Shutterstock
Shutterstock

Mercosur-Abkommen

Warum Die Linke im Europaparlament das Abkommen seit Jahren ablehnt und eine gerichtliche Prüfung notwendig ist

Die Linke lehnt das Mercosur-Abkommen im Europäischen Parlament seit seiner Entstehung konsequent ab. Unsere Abgeordneten haben das Abkommen in allen bisherigen Phasen kritisch begleitet und stets gegen seine Ratifizierung Stellung bezogen. Der Grund ist unverändert: Mercosur steht für eine Handelspolitik, die Konzerninteressen über soziale Rechte, Umwelt- und Klimaschutz sowie demokratische Kontrolle stellt. Diese Haltung ist historisch gewachsen, inhaltlich begründet und Teil unseres politischen Selbstverständnisses im Europäischen Parlament.

Vor diesem Hintergrund haben Abgeordnete der Linken gemeinsam mit Parlamentarier:innen aus mehreren demokratischen Fraktionen einen Antrag auf gerichtliche Überprüfung des Mercosur-Abkommens durch den Europäischen Gerichtshof eingebracht. Ziel ist und bleibt ein schlichtes rechtsstaatliches Prinzip: Solange nicht geklärt ist, ob das Abkommen mit den EU-Verträgen vereinbar ist, darf es nicht in Kraft treten.

Der Antrag geht auf die Initiative der Linken zurück und wurde fraktionsübergreifend von Abgeordneten aus EVP, S&D, Renew, Grünen/EFA und The Left unterstützt. Er trug keine einzige Unterschrift aus dem rechten oder extrem rechten Lager. Mehrheiten mit rechten Kräften wurden nicht gesucht und nicht eingegangen – und werden es auch künftig nicht.

Falsche Vorwürfe, die vom Inhalt ablenken

Aktuell wird behauptet, Die Linke habe bei der Abstimmung über die gerichtliche Prüfung am 21.01.2026 mit rechten Kräften zusammengearbeitet. Dieser Vorwurf ist falsch, bewusst irreführend und politisch kalkuliert. Er soll davon ablenken, dass es um eine inhaltlich begründete Kritik an Mercosur und um die Verteidigung rechtsstaatlicher Prinzipien geht.

Dass Abgeordnete aus unterschiedlichen demokratischen Fraktionen den Antrag unterstützt haben, zeigt: Die Forderung nach einer rechtlichen Prüfung ist kein taktisches Manöver, sondern Ausdruck parlamentarischer Verantwortung. Wer Rechtsstaatlichkeit ernst nimmt, hätte diesem Antrag folgerichtig zustimmen müssen.

Die inhaltlichen Probleme des Mercosur-Abkommens bleiben gravierend. Das Abkommen begünstigt multinationale Konzerne und verschärft den Druck auf Arbeitnehmer:innen, Bäuer:innen und Konsument:innen. Es fördert Lohndumping, schwächt soziale Sicherungssysteme, beschleunigt Umweltzerstörung und bedroht indigene Communities – sowohl in Europa als auch in den Mercosur-Staaten.

 

Mercosur ist ein Abkommen, das demokratische Kontrolle aushebelt und verbindliche Arbeits-, Umwelt- und Sozialstandards untergräbt. Dass Kommission und Rat dieses Abkommen trotz des Widerstands zahlreicher Mitgliedstaaten weiter vorantreiben, ist ein politischer Fehler, den wir nicht hinnehmen.

 

Die politische Trennlinie ist eindeutig: Rechte Parteien lehnen Mercosur aus nationalistischen und abschottenden Motiven ab. Die Linke lehnt Mercosur aus genau gegenteiligen Gründen ab – weil wir für internationale Solidarität, fairen Handel und verbindliche hohe Standards eintreten. Eine Prüfung durch den Europäischen Gerichtshof zu fordern heißt, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu stärken. Das steht im offenen Widerspruch zu rechter Politik.

Für Die Linke ist die Brandmauer gegen Rechts nicht verhandelbar. Sie gehört zur politischen DNA unserer Partei.

Weitere Informationen

Am Ende dieser Seite finden Sie ein FAQ zu den konkreten Inhalten des Abkommens sowie eine Sammlung unserer Pressemitteilungen zum Mercosur-Abkommen. Sie dokumentieren die langjährige, konsequente Ablehnung des Abkommens durch Die Linke im Europaparlament.

 

FAQ

Das EU-Mercosur-Abkommen ist ein Handels- und Partnerschaftsabkommen zwischen der Europäischen Union und den Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. Ziel ist der Abbau von Zöllen und Handelshemmnissen. Das Abkommen folgt der Logik klassischer Freihandelsverträge: Die EU steigert insbesondere Exporte von Autos, Maschinen und Chemikalien, während Mercosur-Staaten erweiterten Zugang zum EU-Agrarmarkt erhalten.

Die EU-Landwirtschaft befindet sich bereits unter starkem Druck. Zwischen 2005 und 2020 gingen in der EU rund 4,5 Millionen landwirtschaftliche Betriebe verloren. Das Mercosur-Abkommen würde diesen Trend verstärken, indem es zusätzliche Importquoten für sensiblen Agrarsektor festschreibt:

  • Rindfleisch: 99.000 Tonnen mit 7,5 % Zoll
  • Geflügelfleisch: 180.000 Tonnen zollfrei
  • Schweinefleisch: 25.000 Tonnen
  • Zucker: 190.000 Tonnen zollfrei
  • Bioethanol: 650.000 Tonnen, überwiegend zollfrei

Zusätzlich wurden neue Zugeständnisse gemacht, etwa 1.500 Tonnen Schweinefleisch zollfrei für Paraguay sowie 50.000 Tonnen Biodiesel. Diese Importe werden unter deutlich niedrigeren Produktionskosten und schwächeren Standards erzeugt und setzen EU-Betriebe massiv unter Preisdruck.

In den Mercosur-Staaten gelten deutlich niedrigere Umwelt-, Tierwohl- und Gesundheitsstandards:

  • 52 % der in Brasilien und Argentinien für den Maisanbau zugelassenen Pestizidwirkstoffe sind in der EU verboten.
  • In der Tierhaltung werden weiterhin Antibiotika wie Monensin als Wachstumsförderer eingesetzt – eine Praxis, die in der EU verboten ist.
  • Hormone wie Estradiol‑17β, seit über 40 Jahren in der EU untersagt, werden in Brasilien weiterhin verwendet.

Das Abkommen enthält keine Spiegelklauseln, die eine Angleichung der Produktionsstandards verlangen würden.

Die Kommission verweist auf eine bilaterale landwirtschaftliche Schutzklausel. Diese ist jedoch faktisch kaum anwendbar:

  • extrem hohe Auslösungsschwellen („schwerer Schaden“)
  • nicht bindende Richtwerte
  • zeitliche Begrenzung auf maximal 12 Jahre
  • politisch blockierbar durch Mitgliedstaaten

Landwirtschaftliche Verbände bewerten diese Klausel als rein symbolisch und ungeeignet, strukturelle Schäden zu verhindern.

Das Abkommen dürfte Exporte von Produkten steigern, die maßgeblich zur Entwaldung beitragen, darunter Rindfleisch, Soja, Zucker, Mais und Geflügel. Rechtsgutachten kommen zu dem Schluss, dass das Abkommen zu einem Anstieg der Treibhausgasemissionen führen wird und mit den Klimaverpflichtungen der EU unvereinbar ist.

Allein 2024 verbrannten in Brasilien rund 11 Millionen Hektar Wald – ein Anstieg von 116 % gegenüber 2023. Gleichzeitig werden Ökosysteme wie der Cerrado und das Pantanal, die nicht vollständig von der EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) erfasst sind, weiter unter Druck geraten.

Das Abkommen schützt außerdem nicht vor Entwaldung: Die neuen Nachhaltigkeitsklauseln sind schwach und nicht einklagbar. Die Vertragsparteien verpflichten sich lediglich, bestehende nationale Gesetze umzusetzen. Es gibt:

  • keine neuen verbindlichen Verpflichtungen,
  • keine Sanktionsmechanismen,
  • lediglich Konsultationen und unverbindliche Expert*innenberichte.

Das Abkommen schwächt die Kontrollmechanismen für Agrarimporte:

  • beschleunigte Vorabzulassungen für tierische Erzeugnisse,
  • reduzierte Häufigkeit und Wirksamkeit von Kontrollen,
  • verpflichtende Ankündigung von Inspektionen 60 Arbeitstage im Voraus.

Ein EU-Audit von 2024 stellte fest, dass Brasilien hormonfreies Rindfleisch nicht zuverlässig rückverfolgen kann. Das Abkommen erhöht somit das Risiko, dass gesundheitlich bedenkliche Produkte auf den EU-Markt gelangen.

Das Europäische Parlament hat mit 10 Stimmen Mehrheit beschlossen, den EuGH um ein Gutachten zu bitten. Geprüft werden sollen insbesondere:

  • die Vereinbarkeit mit dem Vorsorgeprinzip,
  • der neue Ausgleichsmechanismus,
  • die Aufspaltung des Abkommens in EMPA und ITA und die Umgehung nationaler Parlamente.

Bis zur Entscheidung – erwartet in 18 bis 24 Monaten – ist die Zustimmung des Parlaments eingefroren.

Rechtlich ist dies möglich (Art. 218 Abs. 5 AEUV), politisch jedoch hoch umstritten. Wir haben für die EuGH-Prüfung gestimmt, um das Abkommen vorerst gerichtlich absichern zu lassen. Der Europäische Rat hat am 9. Januar sowohl die Unterzeichnung als auch die Möglichkeit der vorläufigen Anwendung beschlossen (gegen die Stimmen von Frankreich, Polen, Ungarn, Irland und Österreich; Belgien enthielt sich). Eine vorläufige Anwendung würde demokratische Kontrolle schwächen und widerspricht politischen Zusagen der Kommission.


Aktuelle Beiträge zum Thema

Zur heutigen Entscheidung des Europäischen Parlaments, das Mercosur-Abkommen vom Europäischen Gerichtshof prüfen zu lassen, erklärt Martin… weiterlesen "Mercosur: Antrag von The Left erzwingt Prüfung durch EuGH"
Anlässlich der heutige Ankündigung eines Freihandelsabkommens zwischen der EU und den Mercosur-Ländern erklärt Martin Schirdewan, Ko-Fraktionsvorsitzender der Fraktion … weiterlesen "NEIN zum Mercosur-Abkommen"
Im Amazonasgebiet in Ecuador: ein Aktivist von UDAPT, Lola Sanchez (Mitte), Helmut Scholz (rechts)
Im Amazonasgebiet in Ecuador: ein Aktivist von UDAPT, Lola Sanchez (Mitte), Helmut Scholz (rechts)
Anlässlich der heutigen Vorstellung des Programms der Bundesregierung für ihren sechsmonatigen EU-Ratsvorsitz, fordert Helmut Scholz, die Chance zur Neuausrichtung… weiterlesen "#EU2020DE: Stoppen Sie EU-Mercosur!"

Unsere Schwerpunkte